So sehe ich die Bibel

Anselm Grün

Das Buch zu den Bildern der Bibel

1. Könige 19,5

Andreas Felger will mit seinen Bildern die vielen Bilder der Bibel in uns eindringen lassen, damit durch seine Bilder das heilende und befreiende Wort Gottes uns aufrichtet, uns befreit von krankmachenden Selbstbildern und uns zu dem einmaligen, ursprünglichen und unverfälschten Bild führt, das Gott sich von jedem von uns gemacht hat. Andreas Felger hat schon immer bewegt, die Herzen der Menschen für Gottes befreiende Liebe zu öffnen. Er malt keine heile Welt, sondern das heilende Bild in die vielen dunklen Bilder, die in uns unser eigentliches Wesen verdunkeln und uns oft den Blick auf Gott verstellen.

Der Prophet Elija gerät in Angst, als Isebel ihm nach dem Leben trachtet. Nach seinem Erfolg über die Baalspriester ist er offensichtlich am Ende. Er flieht um sein Leben. Doch in der Wüste angelangt, möchte er gar nicht mehr leben. Er hat genug. Er ist enttäuscht über sich selbst. Er möchte am liebsten sterben. „Denn ich bin nicht besser als meine Väter.“ (Vers 4) So legt er sich unter den Ginsterstrauch, um einzuschlafen und nie mehr aufzuwachen. „Doch ein Engel rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss!“ (Vers 5)

Diese Szene hat Andreas Felger gemalt. Der Prophet liegt am Boden. Seine Gestalt ist dunkel. Es ist ein depressiver Prophet, der hier auf der Erde liegt. Das grüne Dach des Ginsterstrauches wird durchbrochen vom Licht des Engels, der mit mächtigen leuchtenden Flügeln über ihm schwebt und ihn berührt. Der Engel berührt ihn zärtlich. Elija braucht diese liebevolle Berührung, damit er mit sich selbst in Berührung kommt und wieder er selbst wird. Aber es ist nicht nur die Berührung mit der zärtlichen Hand. Der Engel umgibt den Propheten mit seinem hellen gelben Licht. Es ist ein warmes Gelb, das auf Gott verweist, der in seiner Liebe sich dem Propheten zuwendet. Er macht ihm keine Vorwürfe. Er schickt seinen Engel, damit sein Licht im Herzen Elijas ankommt. Gott hat Geduld mit seinem Propheten. Gleich zweimal schickt er den Engel zu ihm. Er ist nicht enttäuscht, als Elija sich nach der ersten Stärkung wieder hinlegt, um weiter zu schlafen.

Andreas Felger stellt hier nicht nur Elija dar, sondern uns selbst. Wir fühlen uns oft genug depressiv wie Elija. Wir sind am Ende, enttäuscht über uns selbst. Wir sind ausgebrannt. Wir haben keine Lust mehr, weiter zu kämpfen. Alles in uns ist dunkel. Und auch die Erde unter uns scheint unfruchtbar zu sein. Das Bild will uns sagen: Selbst in der Wüste grünt ein Baum, der dich schützt. Selbst in der Dürre deiner Seele kann etwas aufblühen. Und das Bild schickt den Engel in unsere Dunkelheit. Im Bild von Andreas Felger möchte sich das Bild des lichten und zärtlichen Engels in unsere dunkle Seele einprägen, damit wir mit Elija aufstehen und uns auf den Weg machen. Der Weg geht weiter durch die Wüste. Doch die Kraft der Speise befähigt den Elija, 40 Tage durch die Wüste zu gehen, um am Gottesberg Horeb Gott im Schweigen zu erfahren. Der Engel gibt uns Mut, weiter zu gehen auf dem Weg. Und er schenkt uns die Hoffnung, dass auch unser Weg gelingt, dass wir bei Gott ankommen werden, dass wir Gott erfahren werden als den, der unsere tiefste Sehnsucht stillt und alle Dunkelheit aus uns vertreibt.

 

Auszug aus dem Buch "So sehe ich die Bibel - Persönliche Einblicke in das Buch der Bücher", herausgegeben von Norbert Lammert

© 2008 Präsenz Kunst & Buch, Gnadenthal

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